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Die Anthrax-Geister, die man vertreiben wollte
16. Dezember 2008, 15:28
Filed under: USA, WMD

Nach jahrelangen Untersuchungen hat die US-Bundespolizei FBI den vermeintlichen Urheber der Anthrax-Briefe ausgemacht. Der US-Militärwissenschafter Bruce Ivins soll durch das Versenden des Milzbranderregers im Nachgang des 11. September 2001 fünf Menschen getötet haben. Damit geht der einzige tödliche Bioterror-Anschlag in den USA vermutlich auf das Konto eines US Labor-Insiders. Die Enthüllungen über die Tathintergründe haben eine heftige Debatte entfacht.

Bis wenige Monate vor seinem Selbstmord von Anfang August arbeitete der 62-Jährige Bruce Ivins im militärischen Hochsicherheitslabor von Fort Detrick im US-Bundesstaat Maryland, wo er 18 Jahre lang tätig war. Das Fachgebiet des Mikrobiologen war ausgerechnet die Entwicklung eines Anthrax-Impfstoffes.

Vor dem Anschlag beschäftigten sich einige dutzend amerikanische Wissenschafter mit Schutzmassnahmen gegen biologische Waffen. Die verseuchten Briefe, welche man anfänglich der al-Qaida und dem Irak zuschreiben wollte, lösten einen wahren Boom an Verteidigungsmassnahmen aus. 50 Milliarden US-Dollar hat die Bush-Administration seither ausgegeben, um der bioterroristischen Bedrohung zu begegnen. Heute haben in den USA über 15’000 Wissenschafter in beinahe 1400 Labors Zugang zu potentiellen Biowaffen. Angeblich war diese Expansion ein erklärtes Ziel und Tatmotiv von Ivins.

Vermehrt wird Kritik laut, ob das Land nun weniger sicher sei als zuvor, weil die Orte und Personen mit Zugang zu den gefährlichen Krankheitserregern massiv vervielfacht wurden. „Wir setzen Amerika einem grösseren Risiko aus“, sagt etwa der demokratische Abgeordnete und Vorsitzende der Kommission zur Untersuchung von Unfällen in Biolaboratorien, Bart Stupak.

Obwohl alle Personen mit Zugang zu potentiellen Biowaffen einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden, zeigt der Fall von Bruce Ivins, dass das System gravierende Mängel aufweist. Man wusste bereits seit dem Jahr 2000, dass dieser an psychischen Problemen leidet. Dessen Therapeutin berichtete gemäss Gerichtsunterlagen, dass Ivins mehrmals Drohungen gegen seine Vorgesetzten und Mitarbeiter ausgesprochen habe und sie selbst „Todesangst“ vor ihm hatte.

Dennoch wurde Ivins als Anthrax-Experte gar aktiv in die FBI-Untersuchung miteinbezogen. Dies auch noch nachdem klar wurde, dass das verwendete Anthrax aus den USA stammt und Ivins zum Kreis von etwa 100 Verdächtigen mit Zugang zum spezifischen Erregerstamm gezählt werden muss. Die Ermittlungen des FBI wurden aufgrund des Mangels an Erkenntnissen und einigen Schlampereien ohnehin seit Jahren heftig kritisiert.

Geht der einzige tödliche Bioterror-Anschlag in den USA nun tatsächlich auf das Konto eines Labor-Insiders, drängt sich eine unbequeme Vermutung auf:  Die Lektion aus den Anthrax-Briefen besteht nicht darin, dass wir in Gefahr sind wegen eines Biowaffen-Angriffs durch Terroristen. Sondern darin, dass der US Biowaffen-Schutzkomplex selbst zur Bedrohung geworden ist.

Aber dieser Ansicht sind nicht alle: Erst Anfang Dezember 2008 hat die WMD Komission des US-Kongresses einen Report veröffentlicht, in dem sie davor warnt, dass ein Anschlag mit biologischen oder nuklearen Waffen bis 2013  wahrscheinlicher sei als kein solcher Anschlag. Hmmm, interessante Ausdrucksweise…  Wie üblich werden dazu aber keine Hintergrundinformationen geliefert, d.h. es ist unmöglich nachzuvollziehen, welche Fakten diesen Aussagen zugrunde liegen. Ausser natürlich derjenigen, dass ein bisschen Angstmache mit unklaren Bedrohungsbildern noch jedem Politiker genützt hat.

[Klarstellung:] Einige Experten in den USA zweifeln die „Beweise“ des FBI an, wonach Ivins der Urheber der Anthrax-Briefe war. Das Anthrax selbst stammt aber nachgewiesenermassen aus einem US-Biolabor.

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